Erfurter Studien zur Kunst- und Baugeschichte

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Band 2:
Stadt - Bau - Geschichte
Stadtentwicklung und Wohnbau in Erfurt vom 12. bis zum 19. Jahrhundert

Rezensionen:

Frank Karmeyer in Thüringer Landeszeitung 22.02.2005

Nadja Storz in Thüringer Allgemeine 23.02.2005

Buchvorstellung "Stadt - Bau - Geschichte" in Pressemitteilung Stadtverwaltung Erfurt 2/23-2, 23. Februar 2005

Holger Berwinkel in Jahrbuch für Erfurter Geschichte, Bd. 1, Erfurt 2006, S. 138-140


Thüringer Landeszeitung 22.02.2005:

Neuer Glanz in der Geschichte Erfurts

Nachdem Truppen Heinrichs IV. Erfurt dem Erdboden gleich machten, auch die Peterskirche und Severikirche niederbrannten, musste im 11. Jahrhundert die Stadt völlig neu gegründet werden. Dies ist eine der Thesen des Bauhistorikers Thomas Nitz, die er in seinem Buch “Stadt - Bau - Geschichte“ zu Stadtentwicklung und Wohnbau in Erfurt vom 12. bis 19. Jahrhundert aufstellt. Im 11. Jahrhundert, als der Mainzer Bischof nach Erfurt flüchtete und hier ein Verwaltungszentrum entstehen ließ, sei die Stadt völlig neu geordnet worden, erklärt Nitz seine neue Erkenntnis. Hinfällig sei die Vermutung, der Fischmarkt sei einer der ältesten Plätze der Stadt: “Es ist eigentlich der jüngste, erst im 13. Jahrhundert durch Abriss und Neubau des Rathauses geschaffen“, sagt Nitz. Aber nicht nur notwendige Korrekturen mancher Stadtgeschichtsschreiber sind in seiner mit Auszeichnung versehenen Doktorarbeit zu lesen, auch einige Superlative zu Erfurt, die bisher wenig Beachtung fanden. Beispiel Wohnungsbau: Der Hausbestand aus dem 12. Jahrhundert sei in seiner Vollständigkeit allenfalls von Regensburg zu übertreffen - andernorts im 30-jährigen oder Zweiten Weltkrieg verschwunden. Dazu zählen die Häuser Marktstraße 50 (ZDF), Benediktsplatz 1 (Kulturdirektion) oder Regierungsstraße 3. Der gebürtige Stuttgarter Nitz, der Denkmalpflege und Baugeschichte studierte und seine Magisterarbeit über die Predigerkirche verfasste, hofft, die Stadt wieder stärker in den Blick der Forschung zu rücken: “Denn die Kenntnis der Dinge führt zum Schutz.“ Der Autor, der Vorstandsmitglied im Geschichtsverein ist, wendet sich daher mit seinem Buch an die interessierten Erfurter und an die Fachöffentlichkeit. Erfurt ist für ihn ein geschichtlicher Schatz - dem er mit seinem Buch an einigen Stellen weiteren Glanz verliehen hat.

Frank Karmeyer

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Thüringer Allgemeine 23.02.2005:

Hinter den Mauern die wahre Geschichte - Thomas Nitz stellt zweiten Band der Erfurter Studien zur Kunst- und Baugeschichte vor

Die Geschichte Erfurts ist die Geschichte seiner Häuser und Plätze. Der Historiker Thomas Nitz hat sich zwischen Marktstraße und Fischmarkt einige Schätze ausgehoben.
Am Ende des Mittelalters war Erfurt eine Nahtstelle zwischen Nord und Süd, Ost und West. Das alte, das mittelalterliche Erfurt gehörte zu den reichen Städten Deutschlands: Das alles ist bekannt. Aber wie sah der Alltag im Mittelalter aus? Thomas Nitz führt den Blick auf die Geschichte der Stadt weg von der Via Regia, dem Waid und der Festung. Nitz sucht die Bedeutung der Stadt in ihren Häusern. In den schlichten Wohnhäusern des alten jüdischen Viertels, den Anwesen der oberen Schichten am Fischmarkt und in den Kemenaten der kleinen Leute in der Pergamentergasse. Der zweite Band der Schriftenreihe bietet den Erkenntnissen ein Forum. Vier Jahre hat der gebürtige Stuttgarter das Viertel zwischen Marktstraße, Fischmarkt und Allerheiligenstraße untersucht. Seine Promotion "Stadt-Bau-Geschichte" ist eine Reise durch 700 Jahre bauhistorische Entwicklung. Im 12. Jahrhundert finden sich die ersten Zeugnisse städtischer Bebauung.
Nitz ist begeistert vom Bestand der Stadt. "Der Krönbacken ist sehr gut erhalten. Es ist das älteste mittelalterliche Gebäude Thüringens", meint Nitz. An den Fassaden sei das nicht zu erkennen. Aber in den Höfen zeige sich das wahre Alter. Leider sei vieles nach der Wende verloren gegangen Es sei zu schnell und zu billig modernisiert worden.
Illustrationen, Fotografien und Tabellen bringen Leben in die Geschichte. Zahlreiche Auflistungen und Grundrisse ermöglichen den Vergleich mit der Gegenwart. "Die gebaute Umgebung, in der wir uns täglich bewegen, ist der unmittelbare Ausdruck menschlicher Geschichte", schreibt Thomas Nitz und verbindet das mit politischen Prozessen der Stadt, wie der mittelalterlichen Judenverfolgung. Die habe Spuren in der Parzellierung hinterlassen. So wurden Gebäude wie der Krönbacken nach der Vertreibung der Juden aus dem Viertel ausgebaut.
Nitz hat sich archivalischer Quellen und bauarchäologischer Methoden bedient, um die innere Gliederung der Wohnhäuser zu analysieren.
Mit Sinn für Humor schildert Nitz die Entwicklung des öffentlichen Aborts im 12. Jahrhundert hin zum privaten Wasserklosett im frühen 20. Jahrhundert. Krieg, Besetzung und Pest haben Spuren hinterlassen. Die Häuser erzählen davon Geschichten. Thomas Nitz hat sie wieder ausgegraben.

Nadja Storz

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Pressemitteilung Stadtverwaltung Erfurt 2/23-2, 23. Februar 2005:

Buchvorstellung "Stadt - Bau - Geschichte"

Am 24. Februar wird um 19.30 Uhr in Anwesenheit des Oberbürgermeisters Manfred 0. Ruge im Stadtmuseum Erfurt, Johannesstraße 169, das von Thomas Nitz verfasste Buch “STADT-BAU-GESCHICHTE - Stadtentwicklung und Wohnbau in Erfurt vom 12. bis 19. Jahrhundert“ vorgestellt. Die Arbeit bietet die erste Gesamtdarstellung der Stadt- und Hausbaugeschichte Erfurts von den frühesten erhaltenen Bauten des 12. Jahrhunderts bis ins Zeitalter der Industrialisierung im 19. Jahrhundert mittels der Verknüpfung archivalischer und bauarchäologischer Methoden. Es werden anhand zahlreicher Beispiele sowie von Karten und Plänen die strukturelle Entwicklung der Stadt, der Parzellen, der Parzellenbebauung und der inneren Gliederung der Wohnhäuser durch die Jahrhunderte analysiert und systematisiert. Umfangreiche Anlagen ergänzen diese Untersuchungen.

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Jahrbuch für Erfurter Geschichte, Bd. 1, Erfurt 2006, S. 138-140:

Der Stadt Erfurt als Lebensraum durch acht Jahrhunderte hindurch widmet sich diese aus dem Bamberger Graduiertenkolleg „Gefügekunde und Dendrochronologie in Thüringen und Sachsen-Anhalt" hervorgegangene Dissertation. Wirtschaftliches und soziales Leben in der Stadt wurden auf der untersten Ebene durch Parzellen und Wohnhäuser gegliedert. Nitz' Ziel ist die Untersuchung dieser Einheiten in einer Synthese von Hausforschung und Stadtgeschichte auf der Grundlage baugeschichtlicher und archivalischer Quellen. Erfurt ist ihm dabei ein geeigneter Untersuchungsgegenstand, weil die Bausubstanz der Altstadt seit dem hohen Mittelalter von großflächigen Verwüstungen verschont blieb, der Bestand seit 1990 baugeschichtlich intensiv dokumentiert wurde und eine reichhaltige archivalische Überlieferung zur Stadtgeschichte vorliegt. Den Kern der Arbeit bildet die Untersuchung des Allerheiligenquartiers. Die hierbei gewonnenen Erkenntnisse stellt der Verfasser in den Gesamtzusammenhang der Stadtentwicklung seit dem Hochmittelalter, um strukturgeschichtliche Aufschlüsse über große Zeitabstände bis zur Industrialisierung zu gewinnen. Quellen und Methoden werden in zwei einleitenden Abschnitten vorgestellt: Als Grundlage dient die erhaltene Bausubstanz, deren morphologische Merkmale vom Dachwerk bis zum Fenstergitter vor allem hinsichtlich der Gewinnung von Datierungskriterien erläutert werden (S. 19-34). Unter den Schriftquellen wurden für die Frühzeit vor allem die gedruckt vorliegenden Urkunden ausgewertet. Aus den zuständigen Archiven, vor allem dem Stadtarchiv Erfurt, wurden ungedruckte Urkunden in Auswahl herangezogen, ferner Rechtsquellen und Steuerlisten, insbesondere die Serien der Freizinsregister und der Verrechts- bzw. Stadtlagerbücher, die sich für die Studie als sehr ergiebig erwiesen. In engem Zusammenhang mit der Bausubstanz wurden die Akten der Bauverwaltung sowie die Überlieferung von Karten, Plänen, Rissen und Fotografien ausgewertet. Ältere archivalische Ausarbeitungen aus den Beständen des Stadtarchivs erleichterten Nitz die Durchdringung des Stoffs (S. 35-47).
Die Studie schreitet vom Allgemeinen zum Besonderen fort, von der allgemeinen Entwicklung der städtischen Topographie, der Verfassung und der Wirtschafts- und Sozialstruktur (S. 48-136) über die „Einzelparzelle und ihre Bebauung" (S. 137-179) zur äußeren (S. 180-206) und zur inneren (S. 207-258) Gestalt der Wohnhäuser; Sakralbauten und öffentliche Gebäude bleiben ausgeklammert. Für die Besprechung empfiehlt es sich, von dieser Gliederung abzuweichen und epochenbezogen Hauptaussagen zusammenzufassen: Die Darstellung setzt mit dem Wiederaufstieg der 1080 durch König Heinrich IV. zerstörten Stadt im frühen 12. Jahrhundert ein. Durch seine hervorragende Verkehrslage wurde Erfurt schnell ein Machtzentrum der Erzbischöfe von Mainz und ein wirtschaftsstarker Zentralort. Innerhalb der im 12. Jahrhundert errichteten Stadtmauer befanden sich hauptsächlich große, quadratisch zugeschnittene Parzellen von etwa 50 m Kantenlänge für kombinierte Wohn- und Gewerbezwecke. Die städtische Oberschicht unterhielt darauf Kemenaten in Stein- oder Fachwerkbauweise, die giebelständig entweder direkt zur Straße standen oder, wenn sie zurückgesetzt waren, durch einen Vorbau mit dieser verbunden waren. (Instruktiv ist hierfür eine Fotografie von dem um 1920 erfolgten Abbruch eines derartigen Ensembles, Abb. 83, S. 184.) In der Regel hatten die Kemenaten über einem teilweise eingetieften Keller zwei Geschosse und variierten im Grundriss zwischen 6 x 7 und 9 x 13 m. Im Inneren waren sie noch wenig gegliedert. Für das frühe 14. Jahrhundert sind die ersten der Abtrennung von kaminbeheizten Stuben (estuarium oder dorncze) dienenden Holzeinbauten in Wohnhäusern neuen Typs archivalisch nachweisbar; da sie kein fester Bestandteil des Hauses waren, galten sie rechtlich als Mobilien.
Die Wende zum 14. Jahrhundert bedeutete einen allgemeinen Wandel in der Stadtstruktur. Die Erweiterung des Mauerrings, die Ansiedlung von Bettelorden und der Judenpogrom von 1349 wandelten die Topographie, innerhalb deren die fortschreitende soziale Differenzierung der Einwohnerschaft die Parzellenstruktur veränderte: Großparzellen legte man zum Bau von Speichern zusammen oder teilte sie, um Raum für Mietshäuser und kleine Läden zu schaffen. Nitz gelingt es dabei, die in den Schriftquellen vorkommenden Bezeichnungen für Parzellenformen (curia, domus, apotbeca) mit baugeschichtlichem Leben zu füllen. Die Häuser wurden nun traufständig mit der Dachschräge zur Straße hin gebaut; die größeren hatten drei Obergeschosse, von denen das erste als Wohnung, das zweite den Kaufleuten als Lager diente. Die Durchsetzung der Stubenhäuser signalisiert die Neuausrichtung des Erfurter Hausbaus an oberdeutschen Vorbildern, während sich die älteren Kemenaten an niedersächsischen und westfälischen Traditionen orientiert hatten. Mit diesem Befund trägt die Hausgeschichte zum Bild der Mittlerrolle Erfurts und Thüringens zwischen Nord- und Süddeutschland bei. Um 1500 schließlich kam die Stockwerkszimmerung auf, die auch viergeschossige Fachwerkbauten erlaubte. Die Wohn- und Speicherhäuser waren dabei nur ein Element der Parzellennutzung. Auf den curiae der Oberschicht befanden sich daneben ein ummauerter Hof mit einer Wareneinfahrt, einem Brunnen und einem Garten, vielleicht auch einer Darre und einem Brauhaus, mit Wirtschaftsbauten wie Stall und Werkstatt, kleinen Mietshäusern, einer Badstube und, nicht zu vergessen, dem Abtritt. Immer kombiniert Nitz dabei die Untersuchung der Bausubstanz als solcher mit Rekonstruktionen ihrer Nutzung in verschiedenen Epochen. Gleiches gilt für seine Ausführungen zur inneren Nutzung der Wohnhäuser, die sich zu kleinteiligen Funktionsbereichen ausdifferenzierte. Die Darstellung dieser Prozesse hat ihren Schwerpunkt im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit, wird aber über den Niedergang der Stadt, der im 17. Jahrhundert einsetzte, hinaus bis zum massiven Bau von Mietskasernen in der Gründerzeit und zur Verlegung von Bad und sanitären Anlagen in das Innere der Wohnhäuser um 1900 fortgeführt.
Nach einem 2003 erschienen Sammelband mit dem Titel „Erfurt im Mittelalter" hat der Berliner Lukas-Verlag mit der vorliegenden Studie den zweiten Band seiner Reihe zur Erfurter Kunst- und Baugeschichte vorgelegt. Ausstattung und Satzbild überzeugen, die Qualität der instruktiven Abbildungen ist sehr gut. Der Materialteil wurde größtenteils auf die beigefügte CD-ROM ausgelagert. Hier finden sich die Häuserlisten mit tabellarischen, chronologischen Zusammenstellungen der schriftlichen Belege für einzelne Parzellen und Häuser; sie ermöglichen das Nachvollziehen baulicher und nutzungsbedingter Veränderungen am Einzelobjekt. Zugänglich sind die als PDF-Dokumente abgelegten Listen über eine digitale Karte des Allerheiligenquartiers nach dem Katasterplan von 1861 mit Markierungen der einzelnen Parzellen nach den Verrechtsnummern von 1693. Diese Entschlackung trägt dazu bei, dass der darstellende Teil konzise und angenehm lesbar bleibt. Es liegt damit ein Kompendium des Erfurter Hausbaus vor, das seine Ergebnisse fruchtbringend in den Kontext der allgemeinen Stadtgeschichte einbringt, die Nitz anhand der neueren Forschung gut umreißt. Den zugrunde liegenden interdisziplinären Ansatz kann der Rezensent vor seinem eigenem historisch-archivalischen Hintergrund geglückt nennen. Von der Baugeschichte kommend, zeigt sich Nitz auch in der kritischen Auswertung der Schriftquellen kompetent. Dem Leser wird eine Vielzahl neuer, manchmal überraschender Erkenntnisse vermittelt. Plausibel wird etwa der im 17. Jahrhundert zu beobachtende Einbau zusätzlicher beheizter Räume in Erfurter Wohnhäusern mit der Klimaverschlechterung der „kleinen Eiszeit" zwischen 1630 und 1730 in Verbindung gebracht (S. 231). Ein Hauptertrag ist die Einordnung des spätmittelalterlichen Erfurter Wohnhausbaus in den erst kürzlich von der Forschung identifizierten Zusammenhang einer mitteldeutschen Stubenhaus-Landschaft. Die detaillierte Untersuchung des Allerheiligenquartiers wird als Leitfaden für weitere Untersuchungen der Erfurter Baugeschichte dienen können. Sie verdient eine breite Leserschaft.

Holger Berwinkel


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